Intergeschlechtlichkeit im Sport-Wettkampf: Der aktuelle Stand der Debatte

Seit Oktober 2017 kreist in Deutschland eine Debatte um einen dritten positiven Geschlechtseintrag im Geburtenregister, und seit wenigen Tagen gibt es in Deutschland ein neues Gesetz dazu. Trotzdem scheint die bereits jahrzehntelang geführte Diskussion über Geschlechterkategorien in internationalen Wettkämpfen im Sport davon unberührt gelassen worden zu sein. Denn wie schon im Jahre 1966 beschränkt sie sich auf die Frage, ob und auf welcher Grundlage man Leichtathlet_innen mit einer Variante der körpergeschlechtlichen Merkmale aus internationalen Wettkämpfen ausschließen könne.

Die „International Association of Athletics Federations“ (IAAF) und das „Internation Olympic Committee“ (IOC) sind der Meinung, dass „hyperandrogene“ Frauen – das heißt Frauen mit einer körper-eigenenTestosteronproduktion von >= 10 nmol/L, welche im „männlichen“ Bereich liegt – einen unfairen Leistungsvorteil gegenüber Frauen hätten, die ein Testosteronlevel im „weiblichen“ Bereich zeigten, was wiederum dem Wert 1 bis 3 nmol/L entspräche (vgl. Karkazis, Jordan-Young, Davis & Camporesi, 2012 und die New York Times vom 28. Juni 2016). Denn gerade der Unterschied im Testosteronlevel sei laut IAAF und IOC die Grundlage dafür, dass fast alle Sportarten geschlechtergetrennt ausgeübt werden sollten.

Laut einem Artikel der „Zeit“ vom 23. Oktober 2018 hatte der IAAF im Jahre 2011 eine Regelung eingeführt, welche „hyperandrogene“ Leichtathletiker_innen von internationalen Wettkämpfen ausschloss. Anstoß dazu gab Caster Semenya aus Südafrika, die 2009 bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft gewann und seitdem regelmäßig ihr Geschlecht infrage gestellt sieht. Eine Klage von Dutee Chand (Sprinterin aus Indien) vor dem Internationalen Sportgerichtshof (Court of Arbitration for Sport, CAS) im Jahr 2015 hat ein zweijähriges Aussetzen dieser Regelung bewirkt, um ihre wissenschaftliche Fundiertheit überprüfen zu können.

Im Jahre 2017 veröffentlichten der Chef des „Health and Science Department“ (Gesundheits- und Wissenschaftsdepartment) des IAAF und ein weiteres Mitglied des IAAF eine Studie, laut derer Frauen mit einem höheren Testosteronwert einen Leistungsvorteil von 1.78% bis 2.78% im 400- und 800-Meter-Rennen und 400-Meter-Hürdenlauf hätten. Die Studie soll die Grundlage dafür bilden, dass die IAAF eine neue Regelung zur Testosteronobergrenze einführt. Eigentlich sollte dies schon im November 2018 geschehen, es wurde jedoch aufgrund der fehlenden Zustimmung des CAS auf März 2019 verschoben. In der aktuell vorgeschlagenen Regelung des IAAF wird die zulässige Testosteronobergrenze auf 5 nmol/L reduziert und betrifft alle Rennen zwischen 400 bis 1500 Meter der Frauen. Von der Regel ausgeschlossen seien „hyperandrogene“ Frauen, die ein ausreichend geringes Ansprechverhalten auf freies Testosteron haben. Alle anderen „hyperandrogenen“ Leichtathletiker_innen, die an den entsprechenden Wett-kämpfen teilnehmen möchten, müssten ihr “Hormonlevel” für mindestens 6 Monate konstant unterdrücken, was z.B. durch Medikamente oder Operationen erreicht werden kann.

Dass die IAAF-Studie von 2017 in nur drei von 21 Disziplinen einen Leistungsunterschied von Frauen mit extrem niedrigem und extrem hohem Testosteronlevel gefunden hat, scheint bei der neuen Regelung offenbar untergegangen zu sein. Denn warum betrifft sie auch Leichtathlet_innen des 1500-Meter-Laufs, bei denen gar kein Leistungsunterschied gefunden wurde? Weiterhin stellte sich bei einer Überprüfung der Studie von unabhängigen Wissenschaftler_innen heraus, dass schätzungsweise bis zu einem Drittel der Studiendaten fehlerhaft seien, was die Richtigkeit der Resultate in Frage stellt. Es bleibt abzuwarten, ob die Studie erneut repliziert wird und wie die IAAF darauf hin handeln wird.

Gerade wenn eine nach wissenschaftlichen Standards durchgeführte Studie beweisen könnte, dass „hyperandrogene“ Frauen tatsächlich durch ihr „aus der Norm fallendes“ Testosteronniveau einen Vorteil hätten, wäre es eventuell an der Zeit, über eine neue Kategorisierung im Sport nachzudenken, anstatt Menschen in zwei Geschlechter einzuteilen und einzelne Individuen auszuschließen. Wer wie Chand schon mit 16 Jahren 100 Meter in 11.8 Sekunden läuft, hat vermutlich mehrere körperliche Eigenschaften, die „außerhalb der Norm liegen“. Vielleicht sollte man dann auch Läufer_innen mit Beinlängen, die in den „männlichen Bereich“ fallen, auch ausschließen? Oder wie es in dem Artikel der New York Times (vom 28.06.2016) heißt: „Relying on science to arbitrate the male-female divide in sports is fruitless, they said, because science could not draw a line that nature itself refused to draw.“ [„Es ist wenig fruchtbar, wenn man die Wissenschaft heranzieht, um Frauen und Männer im Sport zu unterscheiden, […], weil die Wissenschaft keinen Unterschied machen kann, wo die Natur keinen gemacht hat.“].

Weitere Informationen