Fragen

Identitäten: Woher und wann weiß ich, wer ich bin?

„Es stellt sich für mich allerdings die Frage, ob (…) man Identitätskonzepte nicht auch so offen und fluid konzeptualisieren kann, dass sie das Nicht-Identische mitenthalten, und Männliches und Weibliches (…) nebeneinander bestehen kann.“

Ilka Quindeau

Das Konzept der Identität und der Geschlechtsidentität wird im postmodernen Diskurs vielfach hinterfragt und zerlegt. Kritisiert wird, dass dem Identitätsbegriff ein Mythos des Stabilen und Unveränderlichen innewohne. Wer sich eingehender mit Identitätskonzepten in der Philosophie, Soziologie und Psychologie befasst, kann zu einem anderen Schluss kommen.

Nach wie vor hilfreich für das Verständnis, nicht nur von intergeschlechtlicher Identitätsbildung sind die Denkansätze des Identitätsforschers Erik Erikson. Erikson betonte die Bedeutung der Dialektik und Doppelexistenz von Ich- und Wir-Identität. Der Mensch ist gewissermaßen ständig im Konflikt zwischen dem Wunsch nach sozialer Gruppenzugehörigkeit (Wir-Identität) und  individueller Einzigartigkeit (Ich-Identität).

Literatur zur weiteren Vertiefung:

  • Erikson, E. (1998). Identität und Lebenszyklus. Frankfurt /M.: Suhrkamp Verlag.
  • Erikson, E. (1975). Neue Dimensionen einer neuen Identität. Frankfurt/M.: Suhrkamp Verlag.
  • deLevita, D. (2002). Der Begriff der Identität. Gießen: Psychosozial Verlag.
  • Quindeau, I. (2014). Der Janusköpfige Ödipus – der Kernkomplex in der Entwicklung von Sexualitäten und Geschlechtern. In K. Schweizer, F. Brunner, S. Cerwenka, T. O. Nieder, & P. Briken (Hg.), Sexualität und Geschlecht (77-87). Gießen: Psychosozial Verlag.
  • Schweizer, K., & Richter-Appelt, H. (2010). Dimensionen von Geschlecht. Frühe Kindheit 3/10.
  • Schweizer, K. (2012). Identitätsbildung. In K. Schweizer, & H. Richter-Appelt (Hg.), Intersexualität kontrovers. Gießen: Psychosozial Verlag.
  • Schweizer, K. (2014). Intersexualität und Identitätsbildung. Gießen: Psychosozial Verlag.

Operationen bei Intergeschlechtlichkeit – warum und wann?

  • Welche Genitaloperationen – warum und wann?
  • Wer entscheidet?
  • Wie funktionieren Gonaden und Hormonproduktion?
  • Was ist ein Entartungsrisiko?
  • Warum wurden Gonadenentfernungen durchgeführt?

Der aktuelle Streit zwischen einigen Vertreter_innen aus Medizin und Elterngruppen einerseits und Menschenrechtsvertreter_innen andererseits bezieht sich auf die Frage, inwieweit Eltern über geschlechtsangleichende, nicht medizinisch notwendige Eingriffe an ihrem noch nicht einwilligungsfähigen Baby, Kleinkind oder Kind entscheiden dürfen.

In einem Interview mit dem Deutschland Radio Kultur (2013) berichtete  Katinka Schweizer aus der Perspektive von Studienteilnehmenden und dem Erfahrungsschatz der Hamburger Intersex Studie und geht auf einige der Fragen ein. Sie  verweist auf die Bedeutung der „Souveränität  über den eigenen Körper“:

http://www.deutschlandfunkkultur.de/wichtig-ist-die-souveraenitaet-ueber-den-eigenen-koerper.954.de.html?dram:article_id=267376

Auch in dem aktuellen Bericht von Amnesty International, die sich erstmals in Deutschland mit der Lage intergeschlechtlich geborener Menschen befasst haben, auf die Kontroverse insbesondere im Umgang mit Kindern mit 46,XX Karyotyp und dem sog. Adrenogenitalen Syndrom (AGS) um, ohne sich auf eine Seite zu schlagen. Es finden sich in der Gruppe der Erfahrungsexpert_innen mit AGS sowohl Gegner_innen als auch Befürworter_innen früher Genitaloperationen.

Aus juristischer Sicht wurde mehrfach darauf hingewiesen, dass Eltern kein Recht haben, medizinisch nicht notwendigen irreversiblen Eingriffen an ihren Kindern zuzustimmen  – aufgrund des Rechts auf einen unversehrten Körper und eine offene Zukunft. Das derzeitige Bundesfamilienministerium plädiert zusammen mit Aktivist_innen und Selbsthilfeverbänden für ein Verbot solcher nicht vitaler oder zwingend notwendiger Operationen.

Sprache: Wie sprechen wir respektvoll über unser Geschlecht?

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