EILMELDUNG: Bundesverfassungsgericht ermöglicht 3. Geschlechtseintrag

Das Bundesverfassungsgericht hat heute der Verfassungsbeschwerde vom 2. September 2016 stattgegeben. Darin war auf die Notwendigkeit verwiesen worden, intergeschlechtlich geborenen Personen, deren Geschlechtsidentität intergeschlechtlich oder divers ist, eine adäquate personenstandsrechtliche Erfassung zu ermöglichen.

Die Beschwerdeführer_innen hatten auf die Ungleichbehandlung, Diskriminierung und Unverhältnismäßigkeit der bisherigen Personenstandssituation für intergeschlechtliche Menschen hingewiesen. Sie forderten die Einführung einer weiteren personenstandsrechtlichen Kategorie.  (Az. 1 BvR 2019/16).

Nun hat das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe der Beschwerde in allen Punkten stattgegen. In Zukunft soll diese “Dritte Option” ermöglicht werden. Zur Begründung verwies das Gericht auf das im Grundgesetz geschützte Persönlichkeitsrecht und das Recht auf freie Ausübung der geschlechtlichen Identität. Wir gratulieren allen Beteiligtgen !

Aktuelle Informationen:

Symposium “Intersex-Kontroversen” am 22.11.2017 in Hamburg

Am Mittwoch, den 22. November 2017 findet von 13 bis 18 Uhr das Interdisziplinäre Symposium „Intersex Kontroversen“ im Rahmen des gleichnamigen Projekts der Hamburg Open Online University (HOOU) im Erika-Haus des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf statt.

Im Fokus steht die Würdigung von Intergeschlechtlichkeit und die Gegenüberstellung verschiedener Zugänge zu offenen und strittigen Fragen im Umgang mit Variationen der körpergeschlechtlichen Entwicklung. Die  Mitwirkenden vertreten Perspektiven aus Eltern- und Erfahrungsexpertise, Ethik, Kunst, Medizin, Psychologie und Sexualwissenschaft.

Programm und Anmeldebogen finden Sie hier.

Die Vorträge, Podiumsgespräch und Performance finden auf Deutsch, teilweise Englisch statt.

Das Symposium ist eine Fortbildungsveranstaltung. Die Akkreditierung ist mit 6 Fortbildungspunkten beantragt.

Preisverleihung der ADS an Lucie Veith

Am Montag, 16. Oktober 2017 wurde der Preis für das Engagement gegen Diskriminierung 2017 der Bundesrepublik Deutschland an Lucie Veith verliehen.  Die festliche und bewegende Veranstaltung, ausgerichtet von der Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS), fand  im Museum für Kommunikation in Berlin mit großer Resonanz statt.

Die Laudatio hielt Familienministerin Dr. Katarina Barley. Der Preis wurde zum dritten Mal verliehen und von Christine Lüders, der Leiterin der ADS, ins Leben gerufen. Lucie Veith wurde für den hartnäckigen Kampf gegen Menschenrechtsverletzungen an intergeschlechtlich geborenen Kindern und den Einsatz für die Anerkennung von Intergeschlechtlichkeit in der Gesellschaft ausgezeichnet.

Lucie Veith dankte Mitstreiter_innen, Verbündeten und Unterstützer_innen und wies darauf hin, dass nach wie vor “das Angleichen an ein Normgeschlecht ohne Einwilligung der Person selbst” weiter “im Schatten des Tabus” in Kliniken praktiziert werde, und forderte nicht mehr und nicht weniger als den Zugang zu “gleichberechtigter Teilhabe am Leben und zur Gesundheitsversorgung” für alle Menschen. Denn: “Alle Menschen werden geboren mit einem Geschlecht, dem eigenen, und den gleichen Rechten”.

Lucie Veith brachte auch Unverständnis zum Ausdruck: “Ich werde es nie verstehen, warum die Umsetzung von Maßnahmen zum Schutz der Rechte intersexueller Menschen bis heute so schwierig ist.”

Der Moderator des Festakts, Carsten Rüger, nannte den Preis einen “Preis der Ermutigung”.

Für weitere Informationen

Intersex –
aus der Perspektive eines Bildhauers

Ein Beitrag von Fabian Vogler

Für mich als Künstler bzw. figurativen Bildhauer hat das bloße Wissen um Intersexualität mein Verständnis von der Welt ungemein erweitert und bereichert. Durch “Zufall” fand ich mich in einem Vortrag von Dr. Katinka Schweizer zum Thema „Inter- und Transsexualität“ und die Erkenntnis um den Unterschied rüttelte gehörig an meiner bisherigen Konditionierung auf das bipolare Geschlechterkonstrukt. Zu keinem Zeitpunkt während meiner gesamten Schul- und Studienlaufbahn, weder in Deutschland, noch in Österreich, Spanien oder Großbritannien, war jemals von Intersexualität die Rede gewesen. Dabei hatte ich, ohne es zu wissen, allerdings in meiner Arbeit seit Jahren immer wieder intergeschlechtliche Figuren abgebildet und schon deshalb erschien mir die Existenz von Intersexualität als eine Offenbarung!

Persönlich immer gelangweilt von männlichen Stereotypen, denen ich in meiner Rolle als Mann hätte entsprechen sollen, erscheint mir die Aufgabe der strengen Zweiteilung, hin zu einem erweiterten Begriff von geschlechtlicher Identität, als große Befreiung. Faszinierend ist dabei für mich vor allem, dass doch JEDER MENSCH bis zur mindestens 7. Schwangerschaftswoche als Embryo intersexuell ist. Je nachdem, entwickeln sich erst dann weibliche oder männliche innere und äußere Geschlechtsmerkmale. Damit ist unser aller Ursprung derselbe und auch die Information davon steckt in uns allen. Dies zu verinnerlichen, erkenne ich als eine große gesellschaftliche Chance. Genießen wir sie!